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"Anja Günther - Eine Ära geht zu Ende" - soll das alles sein? Fünf Jahre beschäftigt im Tierheim, das war's? Hat sie ihre Arbeitszeiten eingehalten? Nein, bei weitem nicht, denn es gibt keinen 24-Stundenjob!

Laßt die Finger von Anja Günther, wenn Ihr jemand zum Bummeln, Shoppen oder Kaffeeklatsch sucht. Ihr werdet bitter enttäuscht!

Sie kam zu spät, sie ließ mich warten, und sie ist eine bekennende Wiederholungstäterin, was hat mich das geärgert! Mein Verständnis wandelte sich in Wut und Enttäuschung. Ich zog ein Gesicht, dann schimpfte ich, zog mich in mein Schneckenhaus zurück und krabbelte wieder raus, ich kann ihr nicht wirklich böse sein. Denn wenn es drauf ankommt, wie man so schön sagt, dann ist sie da.


Der Weg von Demirtas nach Alanya ist weit, zu weit für eine Frau, die ihre Augen vor dem Leid der Tiere nicht verschließen kann. Ich sitze in Alis Biergarten und bin rein prophylaktisch schon einmal genervt, weil ich mit Anjas Verspätung rechne. Mensch, was bin ich sauer, aber so richtig! Viel zu spät kommt Anja an, das Auto voller Fundtiere, bei denen sich jede Frage erübrigt, warum sie die Tiere mitgenommen hat. Zwischendurch hat sie noch eine überfahrene tote Katze von der Straße getragen, weil wenigsten die letzte Würde des Tieres erhalten bleiben sollte. Ich kann das nicht, und das denke ich bei jedem auf der Straße liegendem Tier. Anja würde nicht vorbeifahren.


Trotzdem, so geht es nicht weiter, ich möchte auch meinen Stellenwert haben und nicht immer auf Anja warten, und das sage ich ihr mit aller Deutlichkeit. Ich hole zum Rundumschlag aus, denn bei der Gelegenheit, wenn man schon einmal dabei ist, sage ich ihr auch, dass es nicht geht, dass ich für wenige Fotos von Hunden im Tierheim und einige Angaben über die entsprechenden Hunde, oft drei Stunden weg bin und somit in der Redaktion fehle. Außerdem möchte ich auch mal bummeln, ins Alanyum gehen, einkaufen und Kaffee trinken gehen. Anja guckt mich an, als käme ich von einem anderen Stern: "Alanyum, ach ja, da bin ich schon mal vorbei gefahren, aber drin war ich noch nicht." Ohje, das Alanyum gibt es seit Jahren..., und tolle Klamotten gibt es da auch. Aber wem sage ich das?!


So, das mußte mal raus - und dann sehe ich die kleinen Seen in ihren Augen, und ich weiß, sie hört zwar meine Worte, aber sie denkt an die Tiere, die sie gerade aufgelesen hat, und an das kurze und schwere Leben der Katze, die sie von der Straße trug, und sie wird es wieder tun. Ohne nachzudenken wird sie mich und ihre anderen Freunde in netter Runde warten lassen, denn wir liegen nicht mit gebrochenem Bein im Straßengraben, wir hungern nicht, wir sind nicht von Tierquälern mißhandelt worden.

Ist sie dann endlich da und mit den Gedanken noch ganz weit weg, dann versucht mal ein ungestörtes Gespräch mit ihr zu führen - keine Chance. Denn das Telefon meldet sich im Minutentakt, und ich werde immer ungeduldiger. Aber wenn auch sie am Telefon zickig und weniger freundlich wird, dann weiß ich, der Anrufer hat zu seinem eigenem Leidwesen das Gespräch mit Satz angefangen: " Ich habe hier eine Katze/Hund gefunden, und der/die ist wunderschön und besonders süß..."! Ohje, das ist der absolute Antisatz für Anja, denn für sie sind alle Tiere hübsch und süß. Glaubt der Anrufer denn wirklich, dass sie sich deswegen eher um das Tier kümmern würde, als wäre es alt und häßlich?! Nein, er kennt sie nicht.


Als ich einer gemeinsamen Bekannten von Anjas Ausscheiden aus dem Tierheim erzähle, sagt sie einfach "Nein", ich sage "Doch". Sie kann es nicht glauben, und das faßt sie in einem Satz zusammen: "Anja kann nicht aus dem Tierheim gehen, Anja IST das Tierheim."

Viele lustige, aber mehr traurige Geschichten könnten auf dieser Seite verewigt werden. Es waren eben nicht nur fünf Jahre Arbeit im Tierheim, es war viel mehr als das. Es gab auch Anja mit dem Esel auf der vierspurigen Strandstraße. Die Anja, die von einem für sie viel zu großen Kangal die Böschung runter gezogen wurde. Anja, die sterbende Tiere streichelte, bis sie die Regenbogenbrücke erreichten.


Anja, die tage- und nächtelang Strand und Plantagen nach einem verletzten Tier absucht. Anja, die unseren Kater aus der evakuierten und somit menschenleeren Siedlung holte, damit er nicht weggespült wird, wenn der Dimcay-Staudamm bricht, und dann selbst eingesperrt ist. Anja, die immer wieder ihr Herz verliert und daran fast zerbricht.

In ihrer Amtszeit hat Anja das Tierheim "offen" und transparent gemacht. Zwar wurden Ruhe- und Fütterungszeiten eingehalten, aber dann kam sie ans Tor, oder man durfte zur Not auch in den Eingangsbereich. Aber es war Leben in der "Bude", wie man so schön sagt. Es gab nichts zu verstecken. Die Tiere bekamen Besuch, sie erlebten Ansprache und Streicheleinheiten. Sie vereinsamten nicht hinter verschlossenen Türen.


Es kamen Schulklassen, und arme türkische Kinder kratzen regelrecht ihre letzten Kurus zusammen, und reichten es Anja für die Tiere. Sie brachten halbvolle Nudeltüten mit und nahmen mit, was ihr armer Haushalt entbehren konnte. Ich erinnere mich, das von zwei Schulklassen an die 3 Lira zusammenkamen, und als ein Mädchen Anja das Geld überreicht mit den Worten: "Wir danken Ihnen, dass Sie sich um unsere türkischen Tiere kümmern. Wir versprechen Ihnen, dass wir die Generation sind, die Ihre Arbeit fortsetzt", da hatte Anja wieder die kleinen Seen in den Augen, aber diesmal vor Rührung.


Anja wird das Tierheim verlassen, aber um das, was sie geleistet hat zu erreichen, bedarf es mehr als gut Karteikarten führen zu können. Da ist die Bereitschaft zum Einsatz rund um die Uhr erforderlich. Nicht das es so sein muß, aber bei ihr war es so, und somit ist die Meßlatte der Leistungen ganz, ganz oben. Ob Menschen, die bis dato eher gegen Tiere waren, diese Meßlatte je erreichen oder überhaupt erreichen wollen, ist mehr als fraglich. Aber sicher wird das Telefon nun immer besetzt sein, denn nicht alle gehen in die Gehege, um sich hautnah um die Tiere zu kümmern, um dann auch jedes Tier wirklich zu kennen.


Ich spreche von der Meßlatte der Liebe zu allen, wirklich allen Tieren. Ich spreche von wirklicher Tierliebe. Dabei sind mir die Quoten, das überfüllte Tierheim, Berichte, Telefonate und Empfänge so egal, wie es Anja ist, ob ich mal mit Grund auf sie warte, oder ob ich shoppen oder Kaffee trinken gehe. Denn die Liebe zum Tier kann man nicht um 8.00 Uhr einschalten und um 16.00 Uhr ausschalten. Oder doch?

Die Augen der Tiere sagen: "Danke Anja", und ist das nicht das Wichtigste? Für Anja auf jeden Fall. (30.03.2010)

Angelika Kammer
angelika@tuerkei-zeitung.de


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