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Kolumne Angelika Kammer: Facebook & Co.

…nehmen an Bedeutung in der Gesellschaft zu.

So kann es schlicht und einfach passieren, dass Sie sich wundern zu einer Geburtstagsparty nicht eingeladen worden zu sein, weil Sie nicht bei Facebook registriert sind oder die Online-Einladung übersehen haben.

Kürzlich in meinem Bekanntenkreis geschehen. Ich brachte zum 30. Geburtstag der Tochter meiner Nachbarn, die ich seit ihrer Geburt kenne, ein Geburtstagsgeschenk. Sie bedankte sich, wir tranken etwas Sekt. Als ich zum Abschied in der Türe stand, sagte das Geburtstagskind: "Dann bis heute abend!" Als ich sie erstaunt und fragend anschaute, bemerkte sie noch: "Habe ich doch bei Facebook reingesetzt, wer nicht absagt, der kommt."

Gesehen hatte ich die Online-Einladung auch, aber ich fühlte mich nicht angesprochen und konnte mir nicht vorstellen, dass dies die einzige Form der Einladung sein sollte. Aber, man lernt immer dazu, es war die einzige Einladung.

Neben dem nimmer versiegenden Mitteilungsbedürfnis der User, alles und jedes zu dokumentieren, anscheinend davon ausgehend, dass sich tatsächlich jemand für deren alltägliche Situationen interessieren würde. Wann, wo und warum er einkaufen war, dass die Leere seines Kühlschranks geradezu Hamstereinkäufe hervorgerufen hat. Oder wann, wie, wo und mit wem er evtl. geschlafen hat, und wie mehr oder weniger ausgeruht er den Tag beginnt.

Aber auch Bitten und Rügen werden fleißig verteilt. Wie die Bitte, ein Waschbecken in einem Pferdestall zu säubern, oder wie jemand seinen Platz nach einer Demo verlassen hat.

Das ganze Leben wird mitgeteilt, ohne Rücksicht auf Pietäten (oder sind diese inzwischen auch abgeschafft worden?), Desinteresse, oder Intimsphäre. Ob Sie es wollen oder nicht, ruckzuck ist man ein Bestand der sogenannten sozialen Netze.

Kürzlich erlebt, nach einem netten Zusammentreffen einiger Leute, ging auch ich zuhause angekommen, bei Facebook rein und stoße auf das Bild dieser Runde vom Nachmittag. Die Uhrzeit bestätigte mir, dass dieses Foto von uns allen bereits seinen Weg zu Facebook fand, als wir noch zusammen saßen. Ob dass irgendjemanden auf dieser Welt interessiert, wage ich zu bezweifeln. Aber derjenige, der das Bedürfnis hatte uns zeitgleich ins Internet zu setzten, unterliegt wohl einem gewissen Suchtfaktor, sonst gibt es keine Erklärung für dieses Verhalten. Wohlgemerkt, diese Person befindet sich altersmäßig Mitte Fünfzig.

Dass überall und ständig die Handys hochgehalten werden, um damit zu fotografieren, daran hat man sich schon so gewöhnt, dass man es schon fast nicht mehr bemerkt oder ignoriert.

Gut, dass sich inzwischen die internettauglichen Handys mehr und mehr durchsetzten. So kann man auch von unterwegs schnell mal eben mitteilen, wie die Arbeit einen gestresst hat, dass die Straßen unerträglich voll sind, oder das einem gerade der Mittelfinger gezeigt wurde.

Der große Aufruhr, dass wir zum gläsernen Menschen gemacht werden, ist doch vollkommen unnötig. Die Initiative der Regierung vervollständigen wir doch noch mit unseren ständigen Meldungen über unser aufregendes Leben auf der Arbeit, in der Beziehung und über unseren Gemütszustand.

Wirklich große Worte werden oft für die eigene Charakterbeschreibung gewählt, gerne bunt hinterlegt, oder mit einem barocken goldenen Rahmen versehen. Bewundernd wundere ich mich über tiefe und komplizierte Gedankengänge, freue mich über die plötzliche Erinnerung an unsere schöne deutsche Sprache, ziehe den imaginären Hut vor soviel Geschick mit ihr umzugehen. Muss das Geschriebene mehrmals lesen, um die Tiefe zu begreifen. Denke gerade, dass ich dem User doch mächtig Unrecht tat, und dass ich mich auf der Spur von ungeahntem geistigen Potential befinde, scrolle aufmerksam lesend weiter runter und stoße auf Quellennachweise, wie Albert Schweizer, Gustav Heinemann, Eugen Roth und so weiter, und so weiter… . Wir sitzen mit denen alle ein einem Boot, hätten sie es geahnt..., oder besser nicht. (04.09.2012)

Angelika Kammer
angelika@tuerkei-zeitung.de


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