StartseiteTierseiten

Anja, welcher Weg führte Dich nach Alanya?

Ich landete gut in Hamburg mit meinen beiden türkischen Hunden. Endlich hatte ich meine Gipsy für immer bei mir, und ihren ersten Flug hatte sie gut überstanden. Der große weiße Hund fand ein ganz tolles Zuhause bei der Reinmachefrau meines Tierarztes.

Ich, die noch nicht einmal jemanden um eine Zigarette bitten konnte, ging regelrecht betteln für die Straßenhunde in der Türkei. Ständig das Bild der armen Tiere vor Augen, hatte ich gar kein Problem mehr damit. So konnte ich nach einigen Wochen mit einer gefüllten Hundebox, wieder in die Türkei fliegen.

Mit der Tierschützerin aus Alanya hatte ich von Deutschland aus inzwischen guten Kontakt. Als ich mich dann anmeldete, um ihr die geliehene Hundebox zurück zu geben, lud sie mich ein, während meines Aufenthaltes bei ihr zu wohnen. Denn von Urlaub konnte von nun an keine Rede mehr sein. Aber ich war recht zufrieden. Hatte ich doch schon dafür gesorgt, dass gleich zwei Straßenhunde ein gutes Zuhause gefunden haben, und ich war bereit, noch etwas mitzuhelfen.

Die Tierschützerin freute sich, dass sie die Box tatsächlich zurückbekam und dann noch gefüllt mir Leckereien für die Tiere. In ihrem Leben hatten die armen Straßenhunde schon lange den ersten Platz eingenommen. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass es mir ebenso gehen würde.

Der erste Platz in meinem Herzen war eh wieder frei. Der Türkeiurlaub, der eigentlich meine angeschlagene Beziehung ein bisschen kitten sollte, fiel ja komplett ins Wasser. Da ich mich ja nun vom ersten Urlaubstag an, schon um meine Gipsy gekümmert hatte, die ich unter einer Sonnenliege des Hotels gefunden hatte. Also ging die Beziehung zu meinem damaligen Lebensgefährten auseinander, und die Trennung war nicht mehr aufzuhalten. Hinzu kam noch, dass mein stark pubertierender Sohn mir nicht zum ersten Mal eröffnete, dass er lieber zu seinem Vater geht, um bei ihm zu leben – diesmal ließ ich ihn gehen. Das war zwar alles sehr belastend und musste erst einmal verarbeitet werden. Aber wenn ich heute so zurückblicke, mit dem Abstand, kann ich sagen: "Ich war frei für einen neuen Lebensabschnitt." Damals ahnte ich natürlich noch nicht, dass ich mal ganz in der Türkei landen werde.

Am Tag danach, als ich in Alanya angekommen war, wollte mir die Tierschützerin gerne das Tierheim zeigen. Deswegen war ich ja da, auf jeden Fall wollte ich mir das anschauen. Hatte ich doch für Tierheime in meiner Heimat auch schon ehrenamtlich Kontrollbesuche gemacht und war auch sonst tierschützerisch tätig gewesen. In dem Bereich kannte ich mich also aus und war gespannt.

Wir fuhren aus Alanya raus und ließen die Touristenmetropole hinter uns. Vor uns die schöne Strecke entlang der Küste. Bananenplantagen, einsame Strände und der weite Blick auf das offene blaue Meer. So hatte ich die Türkei noch nicht gesehen. Aber mein inzwischen wacher Blick sah überall Straßenhunde. Meine Stimmung sank beim Anblick der Tiere. Katzen, die in Müllcontainern nach Nahrung wühlten. Hunde, die am Strand die leeren Liegen umkreisten, in der Hoffnung, dass einem Touristen etwas Essbares runter gefallen ist. Total abgemagerte Tiere, die wohl wieder mit leerem Magen schlafen gehen müssen. Auch verletzte Straßentiere waren zu sehen. Sie hatten alte Brüche und humpelten, oder neue Verletzungen und ein Beinchen schlackerte nur noch so herum. Die Tierschützerin spekulierte, ob die Tiere angefahren oder geprügelt wurden. Für mich ein kaum zu ertragender und ungewohnter Anblick. Solche Verhältnisse konnte man sich in Deutschland ja gar nicht vorstellen, und ich erinnerte mich an mein Staunen, als ich den ersten frei laufenden Hund in der Türkei entdeckte. Nun sah ich sie überall! Ich hätte sie alle mitnehmen können, so wunderschöne Tiere, und keiner will sie haben.

Mir kam die erste Fahrt nach Demirtas sehr lang vor. Ich hatte gedacht, das Tierheim von Alanya wäre auch in Alanya bzw. vor den Toren der Stadt. Im Tierheim angekommen, bot sich mir ein Anblick, der schlagartig mein Leben auf den Kopf stellte und es veränderte. Das "Tierheim" bestand aus einem Zaun, dahinter waren etliche Tiere, das war’s! Ich komme wieder, ich werde helfen, das stand für mich fest wie das Amen in der Kirche.

Mit meiner Gipsy flog ich dann hin und her. Das ging eineinhalb Jahre so. Dadurch, dass ich selbständig war, konnte ich mir das leisten. War ich in Deutschland, erbettelte ich Spenden für die Straßenhunde in der Türkei. Damit flog ich dann nach Alanya und half dort mit.

Nach diesen eineinhalb Jahren hin und her pendeln, tat ich, was ich tun musste. So ging es nicht weiter, ich konnte nicht mein ganzes Leben hin und her fliegen. Das war nicht durchzuhalten. Und was hielt mich schon in Deutschland? Meine Beziehung war in die Brüche gegangen, mein Sohn Andrè lebte bei seinem Vater, und mein Geschäft litt sehr unter meiner Abwesenheit und Fliegerei.

Ich löste mein Geschäft auf. Mit Tiernahrung für 15.000,00 DM im Gepäck, kam ich in der Türkei an. Bei der Tierschützerin konnte ich natürlich auf Dauer nicht wohnen. Also mietete ich ein kleines Häuschen und zahlte, in meiner Naivität, die Miete für ein Jahr im voraus. Dass es sehr schlicht und einfach war, sollte mich nicht stören. Schließlich wollte ich nicht in Saus und Braus leben, sondern Gutes für die Straßentiere tun. Aber als die türkische Familie aus dem von mir angemieteten Haus ausgezogen war, sah ich erst richtig, was ich da gemietet hatte. Nackter Betonboden, keine Heizung, von einer Dusche ganz zu schweigen. Als ich auf den Balkon hinaustreten wollte, drückte ich die Türklinke runter und fiel mit der Tür, einschließlich Zage auf den Boden des Balkons. Nach ca. drei Wochen war ich am Ende. Ich musste raus aus diesem Haus, das war kein Leben.
Wieder einmal half die liebe Tierschützerin aus Alanya. Sie stellte mir ihren Fahrer zur Verfügung. Wir fuhren drei Tage kreuz und quer durch die Gegend und suchten eine Bleibe für mich. Wir wollten schon aufgeben, da sah ich es. Ein Häuschen mit Garten, wunderschön gelegen und ich wusste, das soll es sein. Als wir dem Haus näher kamen, sahen wir, dass es sich noch im Rohbau befand. Wir gingen zu der Familie, die im Nebenhaus wohnte und fragten nach dem Haus. Eine Vermietung wurde rigoros abgelehnt. Es sei das zukünftige Haus eines Familienmitgliedes, der hat es für seine Familie gebaut. Aber ich hatte es mir so in den Kopf gesetzt, dass ich immer wieder nachfragen ließ. Ich weiß nicht, ob meine Hartnäckigkeit der Familie imponierte, oder ob ich ihnen auf die Nerven ging. Jedenfalls wurde ich eingeladen. Hätte ich da schon gewusst, was da auf mich zukommen sollte, ich weiß nicht ob ich dann dahin gegangen wäre.

Die ganze Familie hatte sich versammelt. Sie saßen in U-Form auf dem Boden. Auf der einen Seite die Männer, auf der andren Seite die Frauen. Vor Kopf mögen die Entscheider oder Familienoberhäupter gesessen haben, ich weiß es nicht. Stell Dir vor, ich saß in der Mitte, auch auf dem Boden, und wurde angestarrt und beobachtet. Sie redeten und murmelten, ich verstand kein Wort. Zu der Zeit sprach ich ja noch kein Türkisch. Ich war verwirrt, unsicher und befand mich in einer unmöglichen Situation. Ich senke einfach den Blick zu Boden und tat gar nichts, wartete einfach ab. Das konnte ja nicht ewig dauern. Zu blöd, da sitzt man umkreist von Leuten, die man nicht versteht, und wird begutachtet wie auf einem Viehmarkt.

Vielleicht hoffte ich in den Augen eines Menschen lesen zu können, wie die Verhandlungen für mich ausgehen. Vielleicht brannten die Blicke eines bestimmten Mannes auf meiner Haut und brachten mich dazu, ein klein wenig den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu schauen. Wir schauten uns eine Ewigkeit an. Vergaßen die Familie und nahm es gar nicht mehr wahr, dass ich in der Mitte der Sippe auf dem Fußboden saß.

Er stand auf, zwei Männer folgten ihm. Nach kurzer Zeit kamen sie zurück. Er schaute mir wieder direkt in die Augen: "Es ist in Ordnung, Du kannst das Haus haben", sagte er. Ich war überglücklich und zahlte gleich die Miete für ein ganzes Jahr, aus Angst sie könnten es sich doch noch anders überlegen. Auf meine Frage nach der Größe des Grundstücks, damit ich einen Zaun für meine Hunde ziehen kann, kam die Antwort: "Wozu brauchst Du einen Zaun? Schau Dich um, dass ganze Land gehört mir. Hier können die Hunde überall laufen." So war es auch, die Tiere hatten ihren Auslauf und mussten sich nicht auf einen Garten beschränken. In Windeseile wurde nun das Haus fertig gestellt und nach nur drei Tagen konnte ich einziehen. Perfekt, besser konnte es gar nicht gehen.

Es war schön, dass der Türke, der sich so für mich eingesetzt hatte, deutsch sprach. Er wohnte nun direkt gegenüber. Beschäftigt war er in der Touristenbranche als Busfahrer. Er organisiert Fahrten und kleine Reisen durch die Türkei. Mir bot er an, mich zum Tierarzt zu fahren. Ich hatte natürlich oft Sorgenkinder, die zum Tierarzt mussten. Ich nahm sein Angebot an und ließ mich von ihm fahren. Aber er war auch in anderen Lebenslagen, wenn ich jemanden brauchte, für mich da. Ich war einfach gerne in seiner Nähe, ich mochte ihn, aber er liebte mich zu dem Zeitpunkt schon. Wenn wir zusammen etwas erledigen mussten, lag so ein angenehmes Knistern in der Luft. Die Schmetterlinge im Bauch wollte ich gar nicht wahrnehmen, denn er war verheiratet. Seine Frau kannte ich natürlich auch, sie wohnte ja auch gegenüber. Ich fand sie nett und hatte mich sogar ein bisschen mit ihr angefreundet. Allein deswegen war zu dem Zeitpunkt, außer ein bisschen flirten, nichts möglich gewesen.

Drei Monate ging das so, dann gestand er mir seine Liebe. Ich erinnerte ihn an seine Frau und sagte ihm, dass ich mich deswegen nicht auf ihn einlassen kann, auch wenn meine Gefühle etwas anderes sagen. Natürlich kam dann der Einwand, dass seine Ehe nur noch auf dem Papier bestehe. Von Eheglück konnte schon lange nicht mehr die Rede sein. Wahrscheinlich waren nie wirkliche Gefühle im Spiel. Er war ein reicher Mann, und das war der Grund der Heirat. Fast zeitgleich, unabhängig von einander, erzählte mir seine Frau das gleiche über ihre Ehe. Dann konnte ich wohl davon ausgehen, dass es stimmte und die Ehe nur noch pro forma bestand.

Sie weinte und fing an zu erzählen: "Er schließt mich ein, weil ich zu meinen Eltern nach Gazipasa möchte. Ich vermisse meine Eltern so sehr und er verbietet mir, sie zu besuchen. Er ist reich und verdient immer mehr Geld, aber ich bekomme nicht einmal etwas zum anziehen, ich halte das mit ihm nicht aus!"

Sie tat mir unendlich leid und ich hatte ihm gegenüber von da an gemischte Gefühle. Wie konnte ich einen Mann lieben, der seine Frau einschließt und ihr weder Geld noch Kleidung gibt. Ich fing an, die Beiden zu beobachten und mir fiel auf, dass ich sie ab freitags das ganze Wochenende nicht sah. Die verrücktesten Filme spielten sich in meinem Kopf an. Ich beobachtete das Haus und versuchte Geräusche aufzuschnappen. Hörte ich sie weinen? Schlägt er sie wohl möglich sogar, und sie braucht Hilfe? Mit seiner Frau schmiedete ich einen Komplott. Ich versprach ihr, sie heimlich zu ihren Eltern nach Gazipasa zu fahren und zurück, wenn er zu Arbeit fuhr. Als ich sie ganz aufgeregt im Auto sitzen hatte, wollte ich auf der Küstenstraße links abbiegen, Richtung Gazipasa. "Nein, rechts runter", sagte sie nur. Ich kam ins Grübeln. Gazipasa liegt doch direkt in der anderen Richtung!

Ich befand mich in einem regelrechten Gefühlschaos. Wie konnte ein Mensch sich so verstellen? Zu mir war er liebevoll und zärtlich. War immer für mich da. Überraschte mich mit Aufmerksamkeiten. Einmal kam ich aus dem Haus und wollte wegfahren. Mein ganzes Auto war mit Obst und Rosenblättern geschmückt. Ich kannte ihn gar nicht anders. Soll das derselbe Mann sein, der seiner Frau soviel antat?

Inzwischen arbeiteten wir zusammen, dass ging zwei Jahre so und ich konnte mich durch den Verdienst über Wasser halten. Er merkte, dass ich mich etwas von ihm zurückzog. Als er mich mehrmals fragte, was ich habe, konnte ich nicht mehr an mich halten: "Wie kannst Du eine Frau so behandeln", beschimpfte ich ihn. "Warum sperrst Du sie ein? Warum darf sie ihre Eltern nicht sehen? Du bist reich und sie hat nichts zum Anziehen!", warf ich ihm vor. Da ich schon einmal dabei war, äußerte ich auch meine Bedenken, dass er sie am Wochenende wohl ganz einsperrt, weil ich sie nicht einmal im Garten oder am Fenster sehe. Er war wie vor dem Kopf geschlagen und wurde kreidebleich. "Hat sie das von mir erzählt, spricht sie so von mir?", war seine Frage. Ich nickte nur betroffen. Mit so einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, er verteidigt sich, schimpft herum und behauptet das Gegenteil.

Eine Weile saß er stumm da, dann sagte er nur: "Am nächsten Wochenende werde ich Dir etwas zeigen." Bis zum Wochenende verloren wir beide kein Wort mehr über diese Auseinandersetzung, aber ich war super gespannt, was er mir zeigen wollte.

Am Freitagmorgen fuhr er mit seiner Frau weg und kam alleine wieder zurück. Er kam zu mir, nahm mich an die Hand und ging rüber zu seinem Haus. Wir gingen durch den Salon in das Schlafzimmer. Es war ein großer Raum und rundherum gab es Kleiderschränke. Er öffnete alle Schranktüren, was ich da sah, verschlug mir die Sprache. Die Schränke waren vollgestopft mit Kleidung. Es war durchweg sehr gute und hochwertige Kleidung. Alles war da und zwar im Überfluss! Wir gingen zurück ins Wohnzimmer und er zeigte auf die Vitrinen. Ich bewunderte das schöne Geschirr und die wertvollen Gläser. Aber er lenkte meinen Blick nach oben, und da traute ich meinen Augen nicht. Rundherum war auf den Wohnzimmerschränken alles voller Kartons. In ihnen waren Küchenmaschinen. Es war alles da, was man sich an Küchenmaschinen nur vorstellen kann. Alles noch schön verpackt in Originalkartons. Mir verschlug es die Sprache und ich war traurig über mich selber, dass ich ihm so etwas unterstellt hatte. Seine Frau hatte mich also schamlos angelogen, aber warum nur?

Nun gut, sie hatte also alles, was man für Geld kaufen kann. Aber was war mit ihren Eltern und wo war sie jetzt? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Jeden Freitag fahre ich sie zum Markt und danach zu ihren Eltern nach Tosmur, sie bleibt immer das ganze Wochenende dort", soviel zum Thema einsperren, sagte er.

Nun ja, seine Frau machte dann ziemlich viel Stress, und er reichte die Scheidung ein.

Versonnen schaut Anja an mir vorbei. Sie ist in der Welt ihrer Erinnerungen. Leise sagt sie: "Egal, was später alles passiert ist, ich hatte zwei wunderschöne Jahre. Er hat mich auf Händen getragen." Wir waren immer zusammen, haben zusammen gewohnt und zusammen gearbeitet. Er wollte nicht in wilder Ehe mit mir leben, deswegen haben wir geheiratet. In der Moschee natürlich. So richtig mir langem Rock und Kopftuch. Hinterher gab es eine kleine Feier mit türkischen Bekannten.

Es war zuerst ein komisches Gefühl, wenn er mich als seine Frau vorgestellt hat. Plötzlich fängt Anja an zu lachen: "Obwohl er mich als seine Frau vorgestellt hat, gab es Touristinnen, dazu fällt mir nichts ein. Wir saßen vorne zusammen in seinem Bus und es ist nicht nur einmal passiert, dass mein Mann in den Rückspiegel guckte und eine Frau da breitbeinig saß und wohl ihre Unterwäsche vergessen hatte." Also die Touristinnen führen sich manchmal auf! Da kannst Du als Frau daneben sitzen, da kennen die nichts. Bis hin zum splitternackt ausziehen war alles dabei, die ganze Palette. Wir haben uns immer lustig darüber gemacht, und er hat gewitzelt: "Halt mir irgendwie die Frauen vom Hals." Dann haben wir uns ausgedacht, dass wir ein Schild machen lassen, mit der Aufschrift: "Das Sprechen mit dem Busfahrer ist nicht erlaubt. Unterschrift: Seine Frau." Wir haben viel Spaß gehabt und viel gelacht. Klar gab es auch Streit, aber immer nur ganz kurz. Einmal hatten wir auf einen der Ausflüge so einen richtigen Krach. Während des Aufenthaltes ging er zu einer netten Touristin, gab ihr einen Kuss und eine Blume. Die Frau kam zu mir, gab mir den (seinen) Kuss und die Blume und sagte: "Der Kuss und die Blume sind von Deinem Mann. Ich soll sie Dir geben, er will keinen Streit mehr." Ist das nicht süß, schwärmt Anja.

Ich bin inzwischen nach Mahmutlar gezogen, die direkte Nähe zu seinem Haus und seiner Frau konnte ich nicht mehr ertragen. Ich kam mir so beobachtet vor. Dort haben wir richtig fest als Mann und Frau zusammen gelebt.

Schön war auch, dass seine Eltern Bescheid wussten und mich mochten. Und mit meiner Mutter war es ebenso. Wenn meine Mutter mich besuchte, verstand sie sich gut mit ihm und freute sich über mein Glück. In einem Moment mit meiner Mutter alleine, hielt er bei ihr um meine Hand an. Meine Mutter war gerührt, wer tut das denn schon heutzutage noch? Gerne willigte sie ein, war sie doch Zeugin unserer guten Beziehung. Seine Eltern waren, wie in jedem Sommer, in die Berge gezogen. Er wollte ihnen persönlich mitteilen, dass wir nun "richtig" heiraten würden. Nach drei Tagen wollte er zurück sein. Schweren Herzens nahmen wir Abschied. Aber schon bald würden wir für immer zusammen sein, das war mein Trost. Er packte nur das Nötigste ein. Hemden, Rasierer und Zahnbürste, und dann verließ er mich.

Die drei Tage waren um, aber mein Liebster nicht in Sicht. Ich machte mir furchtbare Sorgen und versuchte ihn telefonisch zu erreichen, aber das Handy war ausgestellt. Oder hatte er keinen Empfang in den Bergen? Aus den drei Tagen wurden drei Monate. Ständig hatte ich versucht, ihn zu sprechen, keine Chance für mich. Jedoch einmal ging der Ruf durch, ich vernahm, dass er das Gespräch annahm, und hörte eine Frauenstimme. Ich fragte: " Wieso gehst Du an ein fremdes Handy, wer bist Du?" Vom weitem hörte ich seine Stimme. Er schien böse zu sein, dass diese Fremde einfach sein Handy genommen hatte. Aber sie antwortete nur: "Ich bin seine Frau."

Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich brach zusammen, man legte mich auf die Couch, und so lag ich eine Woche lang.

Einige Zeit später, ich war mit einem Hund auf dem Weg zum Tierarzt Osman, traf ich ihn. Er beteuerte, dass er nichts dafür kann, und versuchte es sogar noch so zu drehen, dass ich auch einen Teil der Schuld daran habe. Ich war im Mai kurz nach Deutschland geflogen, in der Zeit hat er sich mit einigen Mädels vergnügt, die als Erntehelferinnen in Alanya waren. Aber die Familie seiner jetzigen Frau habe sich das nicht bieten lassen und ihn mit Hilfe der Brüder des Mädels zur Heirat gezwungen. Weder meine Mutter noch seine Eltern haben ihn verstehen können. Aber es nun noch so hinzustellen, dass es meine Schuld war, weil ich nach Deutschland musste, dass schlug dem Fass den Boden aus.

Nun war ich wieder alleine und musste auch eine neue Aufgabe finden. In einem Gespräch mit dem Tierarzt Osman machte dieser dann den Vorschlag, dass ich ja ein bisschen in seiner Praxis helfen könnte. Zumal sehr viele Deutsche dort hinkommen. Das machte ich dann zwei Jahre lang. Danach bekam ich einen Assistenzposten im Tierheim Demirtas. Nach nur zwei Monaten ergab es sich, dass ich die Leitung des Tierheims übernahm. Das war am 15.02.2005.

Als der erste große Schmerz vorbei war, bot ich meiner großen Liebe an, dass ich für ihn da bin, wenn es ihm mal richtig schlecht geht. Ich dachte an die Zeit, als er für mich da war und zwar immer. Es ist dann so gekommen, dass er so einiges inszeniert hat, um an mich heran zukommen. Er ruft immer noch an. Mal mehr und mal weniger. In einem Gespräch erzählte er mir stolz, dass er Vater würde, allerdings mit seiner ersten Frau. Das Baby ist gestorben, da tat er mir schon sehr leid.

Er war meine große Liebe, vielleicht ist er es heute noch. Aber das kann man unter dem ganzen Scherbenhaufen nicht mehr erkennen. Ich habe auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken.


Danke Anja, dass wusste ich nicht. Jetzt kenne ich Dich ein bisschen besser. Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie Du den ständigen Stress der geschunden, misshandelten und verletzten Tieren aushältst. Über zweihundert Vierbeiner warten auf Dich. Das Heim will geleitet, und die Pfleger müssen geführt werden.

Wie unpassend, wenn im Sommer braungebrannte Touristen von ihrem wohlverdienten Urlaub einige Stunden abknapsen um das Tierheim zu besuchen. Sie jammern, wie schlimm alles ist, bedauern die Tiere, geben gute Ratschläge oder schlimmer, üben Kritik und gehen dann schnell wieder an das fette Büfett oder an den Pool.
Wann machst Du Urlaub, Anja?

Angelika Kammer
angelika@tuerkei-zeitung.de

1 EURO für den Tierschutz in der Türkei (1)
Anja Günther: Wie es weiterging (3)
SitemapImpressum