Tierheim Alanya: Ära geht zu Ende

Tierheim Alanya: Ein Ära geht zu Ende

Türkei-Zeitung: Tierheim Alanya Gedenkstein

Wie berichtet, hat Anja Günther das Tierheim von Alanya in Demirtas mit guter Hand für die Tiere und mit viel Herz geführt. Mit wenig Verständnis für Beschränkungen, was die Anzahl der herren- und obdachlosen Tiere angeht. Mit immer offenen Toren für verletzte Tiere. Und wenn nichts mehr ging, oder die Verletzungen und Operationen sehr schwer waren, wurden die Tiere eben mit nach Hause genommen.

Vorbei war es dann über die Freude an der großen und sonnigen Terrasse, denn überall waren Hunde und Katzen verteilt, die aus irgendeinem Grund nicht im Tierheim bleiben konnten.

So war es viele Jahre, und wirklich niemand konnte sich vorstellen, dass es jemanden gibt, der an ihrem Stuhl sägt. Denn, dann müsste man ja eine Person finden, die es mindestens besser macht als Anja. Jemand anderen, der/die diese Arbeit in diesem Umfang leistet. Jemand, der nicht nur 15 20 Stunden am Tag im Dienste der Tiere steht, sondern die ganzen 24 Stunden.

Also wurde ein Phänomen gesucht.

Aber es stellte sich heraus, dass es gar nicht um bedingungslose Tierliebe ging, sondern um bedingungsloses Funktionieren. Es war nicht die unermüdlich helfende und pflegende Hand gefragt, sondern die Eiserne Hand. Die, die Riegel vor allem schiebt, was unbequem ist und was nach Feierabend kommt.

Irgendwann war es so weit. Das Tierheim Demirtas ist ein Tierheim von vielen geworden. Nichts, aber auch gar nichts zeichnet es als etwas Besonderes aus. Für Anja kam der letzte Tag. Der Tag, an dem sie liebgewordene Tiere verlassen musste. Die Stunde, in der sie die kranken Tiere verlassen musste. Der Schritt aus dem großen Tor, welches sie, Anja, für alle geöffnet hatte. Vorbei an dem Grab mit dem schönen Stein und den Blumen, welches sie als Gedenkstätte für alle verstorbenen Tiere errichtet hatte. Kein Tier war je vergessen. (09.01.2011)

Damals entstand der Bericht:

Tierheim Alanya: Eine Ära geht zu Ende

Türkei-Zeitung: Anja Günther

1999 sehnt sich eine ganz normale deutsche Familie nach Sonne, Sand und Meer. Hauptsache dem Alltag entfliehen, irgendwohin, wo es warm ist und die Sonne scheint. Wärme und Kraft tanken. Die Mutter, ihr Lebensgefährte und der Sohn entscheiden sich für die Türkei. Die Vorfreude und die Erwartungen an diesen Urlaub sind hoch, nur ein kleiner Wermutstropfen trübt die Vorfreude. Der Hund der jungen Familie muß leider seine Ferien in einer Hundepension verbringen.

Noch ahnt die junge Frau nicht, dass die Wahl des Urlaubslandes Türkei schon bald ihr ganzes Leben verändern wird.

Als die Drei in Titreyengöl ankommen, wird nicht lange gefackelt. Die Koffer können ungeöffnet im Zimmer warten, denn es zieht sie Richtung Strand. Lange genug waltete die Vorfreude, nun wollen sie das Meer riechen, schmecken und das Rauschen der Wellen hören. Sie wollen den warmen Sand an den Füßen spüren und den deutschen Schmuddelsommer für einige Tage vergessen.

Als ihnen am Strand ein Hund entgegenkommt, wird er von der tierlieben Familie überschwenglich begrüßt. Dann schauen sie sich nach dem Besitzer um, aber niemand ist in Sicht. Für die Urlauber ein absolut unbekannter Zustand, ein Hund ohne Frauchen oder Herrchen, mutterseelenallein, auf sich gestellt! Vermißt ihn denn niemand?!

Die Gedanken der jungen Frau schweifen zu ihrem eigenen Hund, den sie in Deutschland gelassen hat. Der Strandhund läßt sie glauben, dass auch sie hätte ihren Hund mitnehmen können. Und sie ärgert sich, dass sie diese Möglichkeit nicht vorher in Betracht gezogen hat. Aber sie behält ihre Gedanken für sich, sie möchte, dass ihre Familie einen unbeschwerten Urlaub erlebt.

Es passiert Deutschen nicht alle Tage, dass sie auf einen herrenlosen Hund treffen, und so geht der tierlieben Frau der Hund des ersten Urlaubstages nicht aus dem Kopf. Später erfährt die hübsche Frau mit den langen blonden Haaren von einer türkeierfahrenen Touristin die Problematik der Strand- und Straßenhunde.

Erst später erkennt die zierliche Frau, dass die erste Begegnung mit diesem einsamen Strandhund die Weichen in ein anderes Leben stellen wird. Die Frau ist keine andere als Anja Günther, Tierheimleiterin vom Tierheim Alanya in Demirta . Anja ist erschüttert von dem Leid der Tiere, und ihr ist klar, hier muß sie helfen.

Bis zum Winter reist sie noch viermal nach Side-Titreyengöl. Im Gepäck große Mengen Wurmtabletten, Flohmittel und jede Menge Futter. Wenn sie zurückflog, nahm sie immer Hunde und Katzen mit. Bald gab es kaum einen Nachbarn in Anjas Nachbarschaft ohne Hund oder Katze aus der Türkei.

Auch ihre Tierärztin konnte dem Charme eines riesigen Rüden und Anjas Hartnäckigkeit nicht widerstehen und wurde überglückliche Hundebesitzerin. Dieses Glück dauerte ein ausgefülltes Hundeleben. Der Rüde ist 2009, mit geschätzten 13 Jahren, verstorben.

Nachdem Anja in 1999 in wenigen Monaten viermal hin und her geflogen ist, blieb sie im Jahre 2000 ganz in der Türkei. In Deutschland ließen sie die Gedanken an die armen Tiere eh nicht los. Sie wollte in ihrer Nähe sein, also blieb sie. So konnte sie noch aktiver und stetiger für die Hunde und Katzen ohne Familie und Zuhause da sein.

Sie muß mit einer guten Portion Selbstvertrauen ausgestattet sein, um so einfach ohne Seil und doppelten Boden, in ein fremdes Land auszuwandern, um für die Tiere da zu sein. Tiere, für die sich sonst niemand zuständig fühlt.

Anja findet Arbeit im Tourismus, um ihre Tierschutzarbeit auch weiterhin finanzieren zu können. Zwei Jahre lang organisiert sie Tagesausflüge für Touristen und sichert damit ihre Tierschutzarbeit. Inzwischen geht aber auch schon im Tierheim ein und aus. Besucht die Tiere, verteilt ihre Liebe und Streicheleinheiten, und brachte jede Menge lebensnotwendigen Medikamente mit.

Natürlich wurden es immer mehr Hunde und Katzen, die Anjas Hilfe brauchten. Sie arbeitet und arbeitet, um der Flut an Bedürftigkeit Herr zu werden. Irgendwann ging ihr die Luft aus. Wo sollte sie einen Strich ziehen? Wie sollte sie die Augen verschließen vor dem Leid? Welche Tiere sollte sie verletzt, gequält, angeschossen und hungernd, ihrem Schicksal überlassen?

So war sie 2003 am Ende. Resignierend und kraftlos gab sie auf. Sie war ausgebrannt, zu lange kämpfte sie im Alleingang gegen das Leid der Tiere an. Anja sah nur einen Weg, die Aufgabe und zurück nach Deutschland. Sie war entmutigt und traurig und folgte ihrem Entschluss in dem Bewußtsein, dass die Bilder der Tiere sie bis an das Ende ihres Lebens begleiten würden. Wie sie mit dem Erlebten und dem Wissen um die armen Tiere in Deutschland umgehen soll, wußte sie nicht.

Traurig machte sich Anja auf den Weg, um sich zu verabschieden. Nicht nur von den vielen einsamen Tieren, nein, auch von einem Tierarzt, der ihr oft mit Rat und vor allen Dingen Tat, zur Seite stand.

Sie erklärte dem Veterinär ihre aussichtslose Lage. Die beiden redeten lange über alles, was Anja, aber auch sie beide zusammen erlebt und bewältigt hatten. Irgendwann sagte der Tierarzt: "Bleib, bleib hier, arbeite für mich und hilf mir." Anja sagte sofort zu, so konnte sie ihre Existenz sichern, und die etlicher Tiere ebenso. Sie lernte schnell und viel. Brachte ein Tier ein unbekanntes Leiden mit in die Praxis oder irrte krank durch Alanyas Straßen, so wurde nicht selten nächtelang gemeinsam im Internet recherchiert. Eine Verbindung, von der nicht nur die Tiere, sondern auch Anja und der Veterinär profitierten.

Anjas Tierschutzarbeit ließ sie Ende 2004 weiterziehen. Sie begann als Pflegerin und Assistentin des damaligen Tierheimtierarztes in Demirta , Ismail. Damals wurden ausschließlich Hunde im Tierheim Demirta kastriert.

Im Februar 2005 wurde Anja von der Tierhilfe Süden e.V. gebeten, die Leitung des Tierheims zu übernehmen. Um die regelrechte Flut an immer neuen Jungtieren einzudämmen, waren für Anja die Kastrationen mit das Wichtigste. Nun wurden nicht nur Hunde, sondern auch Katzen kastriert. Im Sommer 2005 verließ der Tierarzt Ismail das Tierheim. Sein Nachfolger war Celal, der auch heute noch im Tierheim beschäftigt ist.

Die Arbeit im Tierheim ist nicht alles, was Anja während ihrer Amtszeit leistete. Sie war es, die durch ihre intensive Öffentlichkeitsarbeit in den Köpfen der türkischen Bevölkerung etwas bewegt hat. Anja fing bei den Jüngsten an, lud Schulklassen ins Tierheim ein, aber ging auch in die Schulen. Sie hielt Vorträge und brachte den Kindern den Tierschutz näher. Die Erwachsenen sprach sie in den Dörfern an, half ihnen, ihre Tiere zu versorgen, zu pflegen und zu verstehen. Für viele Aktionen war sie auf Befürwortung und
Unterstützung des Amtsarztes angewiesen. Die Verhandlungen mit den unterschiedlichen Einstellungen zu Tieren waren oft zäh, langwierig und bedurften Diplomatie und Verhandlungsgeschick. Nicht immer einfach, wenn es sich um Notfälle oder zerstörte Gehege geht, und Hilfe eher gestern als morgen fällig wäre.

Immer wieder kamen die erschütternden Meldungen von den grausamen Vergiftungen dazwischen. Ganze Städte oder Ortsteile wurden "gesäubert". Straßentiere, bereits kastrierte und Besitzertiere, sterben auf bestialische Weise. Und wo rufen die Menschen an? Natürlich bei Anja! Die Anrufer machten auch vor der nötigen Nachtruhe nicht halt. Nächtliche Hilferufe und der Anspruch, Anja möge doch bitte sofort einen verletzten Hund am Strand suchen oder aus einem Hausflur retten, sind nur Beispiele eine wirklich alltäglichen Situation.

Anja sah das alles als ihre Aufgabe an, tat was sie konnte, und das gerne mit vollem Einsatz. Ihre Belohnung waren die glücklichen Hundeaugen der Tiere, die sie retten konnte. Das Vertrauen der Hunde in "ihrem" Tierheim versöhnte sie. Ebenso kannte sie jeden Straßenhund, der sich schon immer in seinem Revier aufgehalten hat. Und die Hunde kannten sie und kamen schwanzwedelnd auf sie zu. Sie freuten sich über eine gute Portion Futter, welches Anja natürlich dabei hatte.

Wenn Anja am 31. März 2010 das Tierheim verläßt, blickt sie auf über 5.000 Kastrationen an Hunden und Katzen zurück, die durch Spenden und die THS e.V. finanziert wurden, Aber nicht nur die eingefangen oder gebrachten Tiere wurden dieser Maßnahme zur Eindämmung der Vermehrung unterzogen. Sie ging mit ihren Mitarbeitern auch auf die Straße, an den Strand und in die Dörfer, um die Tiere zu kastrieren. Ihre drei langjährigen Mitarbeiter Fevzi, Bünyamin und Hüseyin haben mit ihr, unter vollem Einsatz, die Tiere eingefangen, damit sie operiert werden konnten. Über 5.000 Kastrationen im und ausser Haus. Darauf kann Anja mit ihrem Team sehr stolz sein.

Good Bye Anja


Angelika Kammer
angelika@tuerkei-zeitung.de